Menschenbild und Ethik - Archiv
Philosophie als Erinnerung. Dimensionen des Gedächtnisbegriffs im Anschluss an Schellings Überlegungen zur (Wieder)Erinnerung
Viele Diskussions- und Forschungsschwerpunkte der Geistes- und Sozialwissenschaften stehen in den letzten zwei Jahrzehnten im Zeichen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung und den damit verbundenen Problemkonstellationen. Die großen geschichtlichen Veränderungen, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Europa statt gefunden haben, die neuen politischen Konstellationen und die damit verbundenen Transformationen haben alte Fragen aus der Geschichte in die Gegenwart zurückgebracht; neue bzw. wieder gegründete Staaten müssen sich mit vergessenen Kapiteln der neueren europäischen Geschichte auseinandersetzen. Wie auch immer man sich den manchmal vergessenen, manchmal vernachlässigten oder zuweilen auch verdrängten Kapiteln der Geschichte zu stellen gewillt ist: stets ziehen historische Diskussionen politische Folgerungen nach sich, legitimieren sich politische Entscheidungen durch den Bezug auf ‚Fakten‘ der historischen Erinnerungen.
Das Fundament der gegenwärtig herrschenden Erinnerungskultur bildet ein Erinnerungsbegriff, der (theoretisch gesehen) ‚erlebnisfundiert‘ ist. Die Erinnerung hat einen reproduktiven und reaktivierenden Charakter, d.h. sie ist schlechthin die Wiedererinnerung bzw. Erinnerung an etwas Erlebtes, Geschehenes, Erfahrenes: an das, was zuvor einmal stattfand und gewesen war und nunmehr wieder ins Leben gerufen, wiederhergestellt bzw. als Geschehenes festhalten werden muss, soll es nicht in Vergessenheit geraten.
Diese Variante der Erinnerung ist mit mehreren Schwierigkeiten (wie die Wirklichkeit der Erlebnisse oder die Abhängigkeit von einzelnem Erinnerungsträger) konfrontiert. Eine Alternative zur Erlebniserinnerung stellt Julia Shestakovas Meinung nach die Variante von Schelling dar, die einen exklusiven Zugang zur Vergangenheit ausschließt. Der Ausschluss eines privilegierten Zuganges zur Vergangenheit betont nicht allein die allgemeine Möglichkeit des Verstehens von Vergangenem; ebenso berücksichtigt ist, dass Vergangenes immer wieder erneut im Verstehen angeeignet werden muss, damit Vergangenes im Gegenwärtigen für Zukünftiges lebendig bleibt.